Irre!

Auf dem Gelände der historischen "Provinzial-Irrenanstalt Nietleben" finden zur Zeit umfangreiche Abrissarbeiten statt. Auf Betreiben der Stadt Halle genehmigte das Landesverwaltungsamt im Herbst 2005 den Abriss. Nun rollen also die Bagger und Lastwagen an. Die Anstaltskirche der Heilanstalt soll von den Abrissarbeiten nicht betroffen sein. Für sie soll es auch ein Nutzungskonzept geben.

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Geschliffen wird jetzt der Kernbezirk einer der frühesten psychiatrischen Heilanstalten Deutschlands: der rechteckig um einen Innenhof angeordnete, fußballfeldgroße Komplex aus zwei- bis dreigeschossigen Backsteingebäuden mit verbindenden Arkaden und Kolonnaden. Das symmetrisch angeordnete Gesamtensemble des Spätklassizismus war eine wohlgeordnete Kleinstadt des medizinischen Fortschritts. Aus dem Geist einer neuen Humanität geboren, sollte sie den Geisteskranken menschenwürdige Unterkünfte und optimale Therapiebedingungen bieten. Noch wenige Jahrzehnte zuvor hatte man die Irren von Halle zusammen mit Kriminellen im Zuchthaus eingesperrt. Der Psychiater Heinrich Damerow geißelte diese Zustände und erwirkte schließlich bei der preußischen Regierung den Bau einer Provinzial-Irrenanstalt.

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Die späteren Bauten wurden in lockerer Anordnung in die Parklandschaft rund um den Kernbezirk eingestreut. Bereits 1864 wurde die ebenfalls spätklassizistische Anstaltskirche geweiht. Nach 1870 wurden Erweiterungen der Anstalt notwendig, denn der Modernisierungsschub der Gründerjahre trieb Scharen psychisch Kranker nach Nietleben. Zunächst entstanden villenartige Patientenhäuser, später kamen Aufnahmestationen, ein Verwahrhaus für unbotmäßige Kranke, eine neue Villa für den Direktor und mehrere Häuser für das Anstaltspersonal hinzu. In der Nazizeit wurden viele Kranke ermordet und das Anstaltsgelände wurde einer Heeres-Nachrichtenschule einverleibt. Nach dem 2. Weltkrieg nahm die Rote Armee das Gelände in Besitz und blieb dort bis Anfang der neunziger Jahre. Sie hinterließ die Anlage in einem verwahrlosten, aber baulich einigermaßen intakten Zustand. Die Kirche verwendeten die Rotarmisten als Turnhalle. Die mutwillige Zerstörung der Irrenanstalt begann erst nach dem Abzug der Soldaten, veranlaßt von bundesdeutschen Behörden: Der Mittelbau im Hof des klassizistischen Kernkomplexes und einige Seitentrakte wurden abgerissen. Der Leerstand beschleunigte den Verfall der übrigen Gebäude. Nicht ausreichend gesichert, wurden sie dem Vandalismus preisgegeben.

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Nun hat also der endgültige Abriss des gesamten klassizistischen Komplexes begonnen. An seiner Stelle soll der vierte Abschnitt des "Technologie- und Gründerzentrums" Halle entstehen. Das Gelände ist Teil eines mit Fördergeldern errichteten "Wissenschafts- und Innovationsparks", in dem man auch Platz für eventuelle Firmenansiedlungen anbieten will - so entstehen die Industriebrachen von morgen. Ein Radiobeitrag von mir steht dazu auf: http://home.ngi.de/hans9/audio/irre.ogg

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