Sonntag, 29. Januar 2006

Seumes Leipziger Dachkammern

Der Dichter Johann Gottfried Seume wurde am 29. Januar 1763 geboren. Am Vorabend seines 243. Geburtstages lud Dr. Otto W. Förster Seumefans zu einem Rundgang durch die Stadt des Dichters ein. Bei sonnigen - 8 °C und Windstille machten sich mehr als 20 Seumefreundinnen und -freunde auf die Spurensuche nach den ebenfalls mehr als 20 Wohnorten des Großen Spaziergängers.

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Seume hat auch in Poserna, Borna, Grimma und Knautkleeberg gewohnt, aber sein Lebensmittelpunkt war zweifellos Leipzig. Oft mietete er sich möbliert in Dachkammern ein, immer in der Innenstadt, mehrfach direkt am Marktplatz.

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1787 und 1790 wohnte er am Markt 6 "in der Dachstube" (der Mansarde mit dem schwarzen Spitztürmchen); 1791 im Thomasiuschen Hause am Markt 10. Bei längeren Reisen lagerte er seine wenigen Habseligkeiten bei Freunden ein und nahm nur mit, was in den Seehundsrucksack passte.

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1803 und 1805 mietete er sich in einem Hinterhaus von Barthels Hof ein, der in den 90-er Jahren von Bauspekulanten brutal entkernt wurde. Dr. Jürgen Schneider wußte wohl nicht, wer da alles in den von ihm verschandelten Baudenkmalen gelebt hatte. Es hätte ihn wohl auch nicht interessiert.

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Wohnungen im Barfussgässchen, in der Kloster- und Burgstraße sind nicht so recht nachgewiesen, aber wahrscheinlich bis möglich. Oft existieren nur Ortsangaben wie: "bei einem Bäcker".

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Sicher ist, dass Seume unter dem Dach der alten Thomasschule wohnte und in der Petersstraße. Zeit für die Biermannsche Klage: Wie nah sind uns manche Tote und wie fern viele Lebende - oder so.

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Denn auch hier wanderten wir weniger auf Seumes Spuren, sondern eher auf denen von Dr. Jürgen Schneider. Die Bauarbeiten am City-Eisenbahntunnel richten jetzt Schäden im Untergrund an und auf dem Platz von Christian Felix Weisses Haus steht eine große Würstchenbude in Quietschfarben. (Weissens "Kunze mit dem Dintenfasse" hätte wieder ein Wurfziel!)

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Eine positive Ausnahme ist das bekannte Haus am Neumarkt.

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Auch in der Petersstraße fand der Dichter Unterkunft. Dutzende Male überbaut, verhunzt, zerbombt, verfallen, abgebrannt und wieder liebevoll restauriert, zeigt sich überall die unverwüstliche Stehaufmännchen-Architektur der Leipziger Innenstadt.

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Diese Gedenktafel in der Petersstraße konnten geschichtsbewußte Ureinwohner schwäbischen Kaufhaus-"Baumeistern" abringen.

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Gleich die erste Leipziger Unterkunft Seumes befand sich unter dem Dach der alten Nikolaischule, eine Schilderung der Verhältnisse dort findet sich in "Mein Leben". Ach ja, in der "Heldenstadt" ist Bürgermeisterwahl und selbst eher humorlose Leipziger können sich diesmal vorstellen, einen Spaßkandidaten zu wählen.

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In der Petersstraße verfällt auch Oelsners Hof. Ganz in der Nähe, im Weißen Roß (am Brühl 42 zwischen Reichs- und Nikolaistraße) befand sich 1809 und 1810 eine der letzten Wohnungen des Dichters. Am Markt endete unser kleiner Rundgang und mich wunderte nur, wie wenig sich seit der Zeit von Dr. Jürgen Schneider geändert hat - fünfzehn verlorene Jahre.

Dienstag, 20. Dezember 2005

Von Heimat bis Hänselei

Die Schreibende-Arbeiter-Forschung erforscht die Schreibenden Arbeiter, z.B. diesen hier:

lokf

Was heute exotisch bis kurios anmutet, war in der DDR nichts Besonderes, man wurde mehr oder weniger einfach "hineingeboren". Jeder Thälmannpionier mußte Mitglied einer außerschulischen Arbeitsgemeinscheinschaft sein, ich kam in die "AG Chemische Technologie", durfte aber schon bald in die "AG Schreibende Schüler" wechseln. Das fand ich irgendwie interessanter, die bunten Bücher mit den Katzengeschichten, die herbstlichen Werkstattwochen in Günthersberge, Stolberg oder Friedrichsbrunn. Der Übergang zur FDJ-Poetenbewegung war auch bruchlos. Und die Bezirks- Poetenseminare fanden in Goseck oder Mühlbeck statt.

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Als ich dann Schreibender Arbeiter wurde, war das die Zeit der Braunkohlenfeuerungen, des Mix- Kaffees und der Kuba- Apfelsinen.

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Im Kombinat wurde das Holzgasauto noch einmal erfunden und Literaturzirkel traf sich 14-tägig dienstags nach Feierabend im Klubhaus. Der Leunaer Zirkel war eine Art Vorzeigeprojekt der Kulturbürokratie und schon bald schrieb ich fleißig mit. Doch mit dem Motto: Das bißchen, was ich lese, schreibe ich selbst! war es dort nicht getan. Gültig sollte der jeweilige Text schon werden, das war das gemeinsame Ziel. Also galt es, gültige Texte zu finden und zu analysieren. In Leuna waren das u.a. Gedichte von Erich Arendt und Kalendergeschichten von Erwin Strittmatter. Der Zirkelleiter war Mitherausgeber eines umfangreichen Buches "Vom Handwerk des Schreibens" und auch die Quartalszeitschrift "ich schreibe" wurde regelmäßige Lektüre und Diskussionsstoff. Aber es ging nicht nur um das Handwerk, mindestens ebenso arbeiteten wir uns am roten Faden ab: Sein und Bewußtsein, Optimismus und/oder "Larmoyanz" (franz. Weinerlichkeit) angesichts der internationalen Klassenauseinanandersetzung. Kämpfer oder Schwamm? - was sollte der Held bzw. die Heldin unseres großen Prosatextes sein?

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Das Ausmaß meiner Identifikation mit dem Leunaer Zirkel reichte von Heimat bis Hänselei. In einem meiner Texte ("Das geschätzte Mischbrot") ging es um die Subventionierung von Lebensmitteln. Im 'Leunaecho' wurde die Geschichte dann unter dem veränderten Titel "Ich bin ein Mischbrot" abgedruckt, womit man mich im Kollegenkreis eher zum "Heinz" machte. Das bestätigte natürlich alle Vorurteile gegen Schreibendes Arbeitertum. Also mied ich bald das 'Leunaecho' und beschickte lieber den Literaturwettbewerb 'Ein gutes Wort zur guten Tat', die Anthologien des Zirkels und die Veröffentlichungen des Bezirksliteraturzentrums. Was den schönen Nebeneffekt hatte, dass dessen Schreiben die "Giftschränke" der Deutschen Bücherei in Leipzig öffnen konnten.

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Dort gab es auch eine riesige Auswahl an fast aktuellen Zeitschriften und als Schichtarbeiter hatte ich gelegentlich tagsüber Zeit, mich in den Beständen der DB "festzulesen". Die Bildungseffekte waren unverkennbar, aber es sollte ja der eigene große (oder wenigstens lange) Text sein. Und da hatte das Kollektiv nichts zu melden. Während gemeinsames Lernen DDR-typisch problemlos möglich war, galt es schon bei eigenen Gedichten und Kurzgeschichten, sich nicht vom individuellen "Töpfchen schubsen" zu lassen.
"Politisch' Lied, ein garstig Lied", sagte schon der Klassiker. In der Frage "Vom Ich zum Wir?" stand ich also eher auf Seiten des "Klassenfeindes". Gegen Kollektivismus und Geichmacherei, aber nicht aus einer ideologischen Denkfigur heraus, sondern mehr als Teil allgemeiner Selbstbehauptung.

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Strafverschärfend kam noch hinzu, das mein Text Elemente eines klassischen (eher aufklärerischen) Buches adaptieren sollte. Das war zwar damals sehr beliebt, die einseitige Fixierung der Parteispitze auf die Weimarer Klassik sorgte aber auch bei solchen Texten für zusätzliche Komplikationen. Also schrieb ich den langen Text im stillen Kämmerlein und gleichzeitig Gebrauchsprosa für die zahlreichen Auftritte des Zirkels in Halle-Neustadt, Merseburg, Neubrandenburg und Frankfurt/ Oder.

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Belletristische Literatur hatte damals auch Funktionen des (wie fast immer) streng durchherrschten Journalismus übernommen, was aber kaum als einengend wahrgenommen wurde. Man mußte nur mit dieser Art der Aufmerksamkeit umgehen können. Ideologisch gab man (mit Luther) "dem Kaiser, was des Kaisers war".

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Aufbegehren gab es nur, wenn der "ideologische Zehnt" erhöht wurde, etwa während der "Biermann-Affäre". Eine Abstraktionsebene höher war die Folie längst Friedens-, Umwelt- und Menschenrechtsbewegtheit. Als die Politbürokratie sowjetscher Prägung schließlich Opfer ihrer eigenen Konzeptionslosigkeit wurde und die politische "Wende" einleitete, waren die Schreibenden Arbeiter zunächst erst einmal herzlich unwichtig. Der "Werkkreis Literatur der Arbeitswelt" trat auf den Plan und wirkte zwar etwas moderner, aber noch kraftloser. Die Möglichkeit zur Einsicht in MfS-Akten sorgte kurzzeitig für dezentes Erschrecken über das Ausmaß der Überwachung.
Doch bald verdrängten Treuhandkriminalität und der Verlust des eigenen Arbeitsplatzes diese Irritationen. Direktes politisches Engagement hatte plötzlich einen hohen Stellenwert, bei mir waren es 'Demokratie Jetzt' und 'Bündnis 90', die dann in der Grünen Partei aufgingen. Auch publizistisch tummelte ich mich eher in der Grünen Landeszeitung und im Freundeskreis Science Fiction.
Ins Blickfeld geriet organisiertes Schreiben erst wieder 1992 mit dem Aufruf des Autorenverbandes e.V.: 'Wie geht es Euch? Jetzt? Gedanken über Deutschland.' Die Gedanken habe ich mir dann wirklich gemacht und sie erschienen auch 1993 in der Textsammlung 'Land, ich fasse deine Nähe nicht...'. Ein später Höhepunkt organisierten Schreibens in und um Halle war auch die Anthologie des 'Förderkreises' gegen Gewalt und Fremdenfeindlichkeit 'Wer dem Rattenfänger folgt' von 1998.



Der Bildungsvorsprung durch die Zirkelarbeit war noch einmal nützlich, als ich während einer zeitweiligen Beschäftigung im Halleschen Lokalradio-Projekt nach kurzer Einarbeitungszeit Wochenendlehrgänge zum 'Schreiben für's Hören' und zu 'Reportage, Interview, Hörspiel und Feature' mitgestalten konnte.
Der Leunazirkel trifft sich jetzt etwa zweimal pro Jahr eher gesellig an Ausflugszielen oder nostalgischen Lokalitäten. Größere gesellschaftliche Anstöße sind wohl nicht mehr zu erwarten, eher ein durchaus fruchtbarer Blick auf die heutige Umbruchssituation. Weniger auf die (wie auch immer) Revolution, eher auf viele kleine Revolten, etwa die der Studierenden oder der Hartz-Deklassierten. Mit der wirtschaftlichen Deklassierung und gesellschaftlichen Bedeutungslosigkeit rückten politisches und publizistisches Denken also wieder näher zusammen. Und zu alle dem bleibt mir als ehemaligem Schreibendem Arbeiter das Bewußtsein, ein Stückchen der bis heute ausgebeuteten DDR-Binnenexotik mit geschaffen zu haben.

Donnerstag, 1. Dezember 2005

Bewährungsprobe

Das Aufnahmegrät hat seine Bewährungsprobe bestanden, ein damit aufgenommener Beitrag lief heute im Mittagsmagazin von Radio Corax und steht zu Austauschzwecken auch noch unter
http://home.ngi.de/hans9/audio/pampa.ogg
Darin geht es um den "Naturerlebnispfad Peißnitzrunde" auf Halles Peißnitz-Insel: einen Naturlehrpfad mit 16 Stationen und etwa 1,8 km Länge.

verstaerk

Der Verstärker entstand übrigens als Antwort auf den Aufruf "We need a better audio recorder!" des niederländischen Journalisten Jonathan Marks. "Better" ist er vielleicht nicht geworden, aber doch alltagstauglich und extrem preiswert. Die Nachfolgeprodukte des MD 6242 gibt es übrigens mindestens ebenso preiswert im "Blödmarkt" vor der Stadt oder bei den Billigheimern im Netz.
Und die Moral von der Geschicht? Eine Bastelwelt ist möglich...

Montag, 28. November 2005

Mikrofon-Vorverstärker

Das Bandgerät hat schon vor Jahren den Geist aufgegeben, der DAT-Recorder gibt nur noch Geprassel von sich und der Minidisc-Recorder zerschrotet eine Scheibe nach der anderen. Als Hobby-Radiomacher hätte ich auch gerne ein eigenes Aufnahmegerät, möchte nicht auf die Ausleihe des Radiovereins oder fremde Beiträge angewiesen sein. Aber da gibt es ja noch den MP3-Player/Recorder MD 6242, den Aldi/Medion von fleißigen Chinesinnen für ein Schälchen Reis zusammenschrauben lassen hat. Bei mir liegt noch einer herum und auch bei eBay geht er schon für 22,50 Euro über die virtuelle Ladentheke.

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Das eingebaute Mikrofon ist zwar für Radiozwecke unbrauchbar und einen Mikrofoneingang gibt es auch nicht. Aber dafür hat der MD 6242 einen LineIn- Eingang und ich habe einen heißen Lötkolben. Denn nun gilt es, einen Mikofon- Vorverstärker zu basteln. Anleitungen gibt es bei Heise, Reichelt und Conrad. Spontan entscheide ich mich für Conrad, der Vorverstärker- Bausatz Nr. 197688 kostet erträgliche 7,95 Euro.

bausatz

Dafür gibt es eine Platine, alle Bauteile und eine ausführliche Bastelanleitung. Ein XLR-Stecker (Female) und ein kleines Gehäuse (mit Batteriefach) schlagen mit 3,95 bzw. 2,29 Euro zu Buche, ein 9-Volt-Akku kostet 4,95 Euro.

polytest

Noch rasch das Vielfach- Meßgerät POLYTEST 2 vom VEB Klingenthaler Harmonikawerke - Betrieb der ausgezeichneten Qualitätsarbeit - hervorholen, dann kann es losgehen. Beim Löten von 45 Verbindungen auf der nur 45 x 35 mm großen Platine kommen Mensch und Material an ihre Belastungsgrenzen.

platine

Doch bald ist das Gerät zusammengefügt und gibt auch sofort ein stabiles Signal ab - he - nennt mich den Lötmeister!

geraet

Das Gegenstück des Akkus stammt von einer alten Blockbatterie und der Klingeldraht war mal Volkseigentum.

ladeg

Das Ladegerät ist auch ein Unikat.

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Der fest eingebaute Speicher von 64 MB kann dank einer seinerzeit mitgelieferten Smartmedia- Karte um noch einmal 64 MB erweitert werden. Was einer Aufnahmekapazität von zwei Stunden in guter Qualität entspricht oder bis zu acht Stunden in reduzierter Qualität. Und schon geht es hinaus zum ersten Einsatz...

einsatz

Mittwoch, 23. November 2005

Brennende Städte

Die Ausstellung "Schrumpfende Städte" sollte umbenannt werden - in "Brennende Stadte". Gerade komme ich von einer kleinen Horrortour aus dem Schafschwingel- und Grasnelkenweg zurück und habe noch nicht einmal 5,- Euro Eintritt bezahlt.

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Brennende Mülltonnen sind in Halle erst einmal nichts besonderes, doch bald kommt das erste Autowrack vor die Linse des Katastrophentouristen.

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Während die Polizei eine riesige Bully-Demonstration gegen 50 linkstönende Demonstranten in der Innenstadt veranstaltet, rostet hier das Wrack eines unschuldigen Kleinwagens vor sich hin...

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Mit Frankreich ist das wohl noch nicht zu vergleichen, auch wird in Deutschland-Ost die Mehrheitsbevölkerung deklassiert und der religiöse Fundamentalismus ist ein protestantischer...

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Brandstellen am Grasnelken-Weg, Graswurzel-Brand sozusagen...

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Eine Telefonzelle war auch im Weg.

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Die blühenden Landschaften der Marktradikalen...

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Dienstag, 22. November 2005

Was solls?

EichhoernchenMit der Inthronisation der Frau Dr. Merkel soll auch dieser Blog starten, denn jetzt beginnen die Contra- Festspiele. Merkel und Platzeck haben beide typische Contra-Karrieren hinter sich, wurden mit dem Abgang der DDR hoch gespült. Damals wurden sie geprägt, als eine ganze Volkswirtschaft "privatisiert" werden konnte usw.
Zu erwarten sind nun Hartz V, VI und VII, immer mit dem Gestus der Befreier vom Kollektivismus und ruhmredigem protestantischem Arbeitsethos.

Armes Deutschland, hat so kleine Füchse!

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Stanislaw Ossowski
Klassenstruktur im sozialen Bewusstsein


Sighard Neckel
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Jiang Rong
Der Zorn der Wölfe


Christa Luft
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